Kopf des Monats

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«Der Staat ist gefordert.»

Foto final Gero Jung Kd M Jan 2021

Gero Jung
Chefökonom bei Mirabaud Asset Management

Dr. Gero Jung ist als Chefökonom bei Mirabaud Asset Management und Mitglied des Investment Comites verantwortlich für makroökonomische Analysen und Studien. Bevor er 2012 zu Mirabaud kam, war Jung Global Macro Economist bei Zurich Financial Services, Senior Economist bei der Schweizerischen Nationalbank SNB und Berater des Exekutivdirektors des Internationalen Währungsfonds. Gero Jung war zuvor für die UBS, die Weltbank sowie die Deutsche Bank tätig. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Volkswirtschaft von der London School of Economics, einen Doktortitel in International Economics vom Graduate Institute of International and Development Studies in Genf und war als Forscher beim Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston tätig.

 

Gero Jung, was treibt Sie an?

Ich möchte mich stets über das aktuelle Umfeld und die Herausforderungen der Märkte informiert halten. Bei Mirabaud Asset Management applizieren wir aktive Long-only-Ansätze. Es ist wichtig, klare und gradlinige Ansichten zu haben, um mit hoher Überzeugung Anlageentscheidungen zu treffen.

Welcher Mensch kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort erfolgreich hören?

Ich denke, es ist sekundär, in welchem Bereich man arbeitet, um als erfolgreich bezeichnet zu werden. Für mich sind Menschen erfolgreich, die sich einen Traum erfüllen, ihrer Leidenschaft nachgehen und glücklich sind in dem, was sie tun. In dieser Hinsicht ist jemand wie Robert ‘Bobby’ Fisher erwähnenswert, der erste und (bisher) einzige Schach-Weltmeister aus den USA. Er wurde Weltmeister, während er konsequent seiner einzigen Leidenschaft nachging. Er gewann die Schach-Weltmeisterschaft überdies mit wenig Unterstützung, welche beispielsweise sowjetischen Spielern in seiner Zeit zuteil kam. Dazu gehört auch eine Menge Hingabe und Anstrengung – in Fischers Fall hiess dies bis zu 14 Stunden Schach am Tag, sieben Tage die Woche. Wie er selbst einmal sagte, konzentrierten sich 90% seiner Gedanken auf das Schachspiel.

Was hat Sie dazu bewegt, das zu tun, was Sie heute tun?

Es ist das echte Interesse an der Ökonomie und Finanzmärkten. Ich habe über einen längeren Zeitraum Volkswirtschaft an der Universität studiert; mein akademischer Hintergrund passt also zu meinem aktuellen Beruf. Was mich reizt, ist das Zusammenspiel von Wirtschaftsdaten und Finanzmärkten. Manchmal trifft das, was man an der Universität gelernt hat, in der Praxis nicht zu. Aber manchmal tut es das eben doch. Marktakteuren ist klar, dass Finanzmärkte durch irrationales Verhalten oder Herdentrieb beeinflusst sein können oder in einer Weise reagieren, die der ökonomischen Theorie widerspricht. Ein weiterer Anreiz – und gleichzeitig eine Herausforderung – sind die vielfältigen Aspekte des Umfelds. Heutzutage sind zahlreiche Themen von Belang – sei es ein Wahlzyklus, eine Pandemie, Aktionen von Zentralbanken usw. Die Liste ist endlos.

Welche Frage würden Sie Warren Buffet stellen, wenn Sie mit ihm zum Nachtessen verabredet wären?


Mich würde interessieren, von welcher Marke seine Badehosen sind, die er zum Schwimmen benutzt… Im Ernst: Gerne würde ich eine Diskussion führen über Finanzmarktpreise als Werkzeug und nicht als Indikatoren. Das wäre insbesondere im aktuellen Umfeld von Interesse.

Welchen Stellenwert haben soziale Medien bei Ihnen?

Soziale Medien sind in den 2020er Jahren natürlich sehr wichtig. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass wir so viele Informationen bekommen, damit es für viele zur Herausforderung wird, sie zu destillieren und zu filtern. Es gibt auch eine gewisse Anfälligkeit für unwahre oder nicht-faktenbasierte Nachrichten.

Welche Probleme sollten Politik und Behörden rasch angehen?


Die Verschuldung, sowohl die öffentliche als auch die private. Sie bestand in gewissem Umfang schon vor der Corona-Krise und wird ein zentrales Thema bleiben. Die Grosszügigkeit der Fiskalpolitik ist angesichts der aktuellen Situation wahrscheinlich ein notwendiges Übel. Allerdings werden diese hohen Schulden nicht über Nacht verschwinden. Die Politik wird sich daher in den kommenden Jahren – und Jahrzehnten – damit auseinandersetzen müssen.

Wo finden Sie in Ihrer Freizeit den Ausgleich?

Einen grossen Teil meiner Freizeit – und es gibt Zeugen, die dies mühelos bestätigen können – verbringe ich mit Schach, insbesondere mit dem Sammeln von Schachfiguren. Das ist ein ziemlich exotisches Hobby, aber es gibt tatsächlich eine Community von sehr engagierten Menschen, die überall auf der Welt ein gleiches Interesse teilen. Im Laufe der Jahre lernt man die unterschiedlichsten Menschen aus verschiedenen Ländern und mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen kennen. Jemand hat einmal gesagt, Schach sei eine Mischung aus Kunst, Theorie und Sport. Bei der Analyse von Schachpartien ist es vor allem der erste Teil, den ich am attraktivsten finde.

Was würden Sie heute einem Berufseinsteiger im Asset Management empfehlen?


Ich würde ihm raten, so viel wie möglich aufzusaugen und sich auf einen bestimmten Bereich zu spezialisieren. Ich denke, es ist wichtig, ein Gebiet zu finden, das einen wirklich interessiert, auf das man ein ganzes (Berufs-)Leben setzen mag.

Mit wem würden Sie sich gerne zum Lunch oder Dinner verabreden?


Es könnte sogar nur auf einen Kaffee sein, aber ich würde mich auf jeden Fall gerne mit Dr. Alexander Aljechin treffen, dem 4. offiziellen Schachweltmeister. Leider ist er 1946 – manche sagen unter mysteriösen Umständen – aus unserer Welt verschwunden. Ich würde ihn nicht nur gerne fragen, weshalb er seine Katze aufs Schachbrett hob. Ging es darum, einen Gegner zu ärgern, der allergisch gegen Katzen war, oder gab es einen anderen Grund? Eine Diskussion über den denkwürdigen Meisterschaftskampf von 1927 würde ich nicht missen wollen.

Wofür sind Sie dankbar?


In der Gesamtbetrachtung mag es wohl darin liegen, dass wir in einer Welt leben, in der es der Menschheit relativ gut geht. Es mag zwar seltsam klingen, dies in einem Jahr zu sagen, in dem wir eine globale Pandemie haben, aber mit effizienten Impfstoffen um die Ecke sehen wir eindeutig etwas Licht am Ende des Tunnels. Wir haben keine grossen Kriege wie im 20. Jahrhundert. Die aktuelle Situation ist zum Beispiel auch nicht mit dem 14. Jahrhundert vergleichbar, das als «schwarzes» Jahrhundert für Europa und die Menschheit allgemein in die Annalen einging.

Welches Buch lesen Sie gerade?


Ich habe gerade John le Carrés Klassiker «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» zu Ende gelesen. Es erinnerte mich daran, dass mein Namensgedächtnis nicht das Beste ist. Dies mag vielleicht entschuldbar sein, da in Le Carrés Romanen jede Figur – mindestens – drei verschiedene Namen hat, wenn nicht noch mehr! Die Verwicklungen der Handlung sind faszinierend, und der Held des Romans ist bewundernswert – er ist eine Art Gegenentwurf zu James Bond.

Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Mobiltelefon?


Es ist ein Bild in schwarz-weiss, mit 64 verschiedenen Quadraten.